Slow Gait
für vier Kontrabässe, Live-Elektronik & Sechsspurcomputerprojektion

von Andreas Wagner

in der Kunststation St. Peter
Leonhard -Tietz-Str. 6, 50676 KÖLN
28. August 2010, 19:30 Uhr

mit dem Multibassorchester:
Sebastian Gramss, Dietmar Fuhr,
Christian Ramond & Achim Tang - Kontrabässe
Andreas Wagner - Klangregie & Live-Elektronik

Zu Andreas Wagners “Slow Gait”

Statt drei sind es vier, und sie kommen nicht, könnten’s aber, aus dem Reich der Mitte oder dem Land der aufgehenden Sonne. Sie teilen sich keinen gemeinsamen Kontrabass, jeder Spieler handhabt hier und heute seine eigene Violone. Andreas Wagners “Slow Gait” spielt auch nicht auf der Straße,  sondern in einem größeren Raum. Die die Komposition ebenso konstituierende Live-Elektronik und 6-Spur-Computerprojektion braucht Lautsprecher und für alle Klänge adäquate architektonische Reflexionsflächen – so wie die in der Kunststation St. Peter in der Kölner Innenstadt. Für diesen Raum, den Wagner von vielen Konzerten her akustisch genau kennt, hat er das Stück “Slow Gait” konzipiert, bei dessen heutiger Uraufführung die vier Saitenakteure auch nicht sitzen, sondern stehen, während sie sich gegenseitig uns was erzählen – und das für eine lange Weile, für exakt 79 Minuten und 45 Sekunden. Das, was sie erzählen, hat Andreas Wagner nach mehrmonatiger Arbeit im Juli 2009 fertiggestellt, niedergeschrieben, per Noten aufs Papier fixiert, überdies ein elektroakustisches Zuspiel realisiert (wesentlich auf der Grundlage zuvor aufgenommener Samples des Bassisten Sebastian Gramss). Zudem erzählen die vier Ausführenden mit ihren Instrumenten auch Eigenes. Zwei der insgesamt fünf Teile des Stückes, die Parte 2 und 4, sind kollektive Freiräume der Interpreten, in denen sie ihr Können, ihre Fantasie, ihre Techniken, ihre improvisatorische Virtuosität selbstverantwortlich vollführen, wobei sie mehr oder weniger einigen Vorzeichen des Autors, der selbst ein veritabler Improvisator ist, folgen müssen. Was in diesen beiden rhapsodischen Teilen Gedankenstützen und rhetorische Notate für die Dramaturgie der Erzählung sind, ist in den Teilen 1, 3 und 5 von “Slow Gait” in nuce ausnotiert. Alles ist in diesem überwiegend leisen Stück bis ins Kleinste durchhorcht und erlauscht, sondiert und gefiltert, nichts bleibt dem Zufall überlassen, jedes scheinbare Stolpern oder Straucheln ist hier kunstfertige  Dressur – langwieriges Resultat nahezu mönchischer Klausur, größter Selbstdisziplin, permanenter Hör- und Schreibübung sowie intensivster praktischer Arbeit, inklusive kontinuierlicher Kritik am eigenen Tun. Wie die Polizei, die Kunstkritik, die vielfach mit selbstgebastelten Ausweispapieren ausgestatteten Ordnungshüter der Ästhetik , so sie denn anwesend ist, auf “Slow Gait” reagieren wird, ist für das Funktionieren des Stückes übrigens völlig irrelevant. Sie findet hier bloß Erwähnung, um im Gerüst des Kinderliedes zu bleiben und um jetzt zu der dortigen Frage “Ja, was ist denn das?” zu kommen. Ja, was ist denn nun eigentlich ein “Slow Gait”, wie Andreas Wagner sein Stück genannt hat? Der “Slow Gait” ist eine ganz besondere, eigentümliche Gangart im Pferdesport: Jede Bewegung beim Schritt – hinten links, vorne links, hinten rechts, vorne rechts – wird kurz unterbrochen, das heißt, nach Anheben eines Fußes verharrt das Pferd kurz, ehe es den nächsten Fuß anhebt usw. Kurzum: “Slow Gait” ist eine komplex-komplizierte, in jeder Hinsicht artifizielle Bewegungsstudie, eine Lernleistungsschau, die musikalisch betrachtet und gehört größte Reize bietet. In der Bewegung auf der Stelle treten, schwebend dem Boden verhaftet sein, in gespannter und sich entspannender Elastizität eine fünffach geteilte Zeitstrecke zu durchschreiten, bei fortlaufender Zeit Zeitlosigkeit zu suggerieren, im exakt abgestimmten mechanischen Zusammenspiel der Muskeln, ihrer Fasern und Fibern. Und wie im Kinderlied von den drei Chinesen oder Japanesen mit dem Kontrabass, dessen sämtliche Vokale sich bei jedem gesungenen Durchgang ändern, indem alle Wörter schon bei der ersten Modulation nur noch einen einzigen Vokal oder Diphtong besitzen dürfen, bei der zweiten dann einen anderen etc., so beleuchtet Wagners “Slow Gait” in seinen fünf Teilen auch verschiedene Möglichkeiten, Charaktere, Konstellationen, Klang(t)räume des sphärischen Gehens  und Verharrens, des Ineinandergreifens und Überlappens sonorer Mechaniken. Das Stück ist eine dichte Häufung von dramaturgischen Miniaturen, eng und engst verwobener Episoden und Sektionen, die nie kleinstteilig auseinanderfallen. Von Anbeginn der Konzeption der fünfteiligen, wenn man so will, ‘Serie’ “Slow Gait” wusste der Autor genau, wo und wie die Überraschungen, Überleitungen, vorläufigen Abschlüsse, Irreführungen und Fortspinnungen zu platzieren sind. Und das ist bei der selbstgestellten Aufgabe von “Slow Gait”, der Schaffung einer in sich beweglichen Monochromie mit strukturellen, narrativen Schattierungen und Nuancen, überaus bemerkenswert, gekonnt, schön, eine imposante, kurzweilige lange Weile.
Stefan Fricke